Die Vinlandkarte

Die Vinland-Karte ist eine historische Weltkarte, die lange Zeit für eine Fälschung gehalten wurde,
aber nach neuesten Erkenntnissen als echt einzustufen ist.

Quelle Yale University, from this websiteUrheber Yale University Press

Naturgemäß taucht heutzutage selten neues Material auf, das unsere Kenntnis von den geografischen Vorstellungen des Mittelalters und der Frühneuzeit entscheidend verändert. Im Oktober 1965 verkündeten Gelehrte der Yale University in New Haven der staunenden Welt, sie seien im Besitz einer mittelalterlichen Weltkarte, die schon einen Teil Nordamerikas zeigte, bevor Christoph Kolumbus überhaupt zu seiner historischen Fahrt aufgebrochen war. Eine Datierung mit der Radiokarbonmethode des Pergaments weist auf das Jahr 1434 hin. Die Karte lässt sich nur bis ins Jahr 1957 zu einem Buchhändler aus Barcelona zurückverfolgen, der sie, zusammengebunden mit einer spätmittelalterlichen Abschrift der Historia Tartaorum, zum Verkauf anbot.

Die »Historia Tartaorum« (Geschichte der Tataren) ist ein Bericht von der Missionsreise des Franziskaners Johannes de Plano Carpini zu den Mongolen in den Jahren 1245 bis 1247. Ferner hat zu diesem Band ein ebenfalls 1958 aufgetauchtes unvollständiges Exemplar des »Speculum Historiale« des Vincent von Beauvais gehört, das scheinbar im 19. Jahrhundert von den anderen Teilen getrennt und neu gebunden wurde. Alle drei Teile gehörten wohl zusammen, wie sich aus der aus der Übereinstimmung der Wurmlöcher in allen Teilen ergibt. Eine Untersuchung des Papiers und der Wasserzeichen erwies das Oberrheingebiet als Herstellungsort und 1430-1440 als Herstellungszeit. Die Handschrift bestätigt außerdem, dass alle drei Teile von einem Schreiber verfasst wurden. Es liegt nahe zu vermuten, dass der Band im Zusammenhang mit dem Konzil zu Basel (1431-1449) entstand. Seit 2004 ist ein zweiter Codex bekannt, der dieselbe Textzusammenstellung enthält (Zisterzienserkloster Luzern, um 1340) und möglicherweise die Vorlage für das Yale-Exemplar war.

Der Name der Karte ist insofern irreführend, als sie nicht nur Vinland, sondern die ganze damals bekannte Welt dargestellt ist. Sie zeigt neben Afrika, Asien und Europa drei Inseln im Nordatlantik mit den Namen »Isoland Ibernica« (Island), »Grouelanda« (Grönland) und »Vinland« mit dem Text »Vinilanda Insula a Byarno reperta et leipho sociis« (etwa: Die Insel Vinland, von den Gefährten Bjarni und Leif entdeckt) sowie einem weiteren Text, der ebenfalls einen »Leif« erwähnt, der aber mit einem späteren Bischof gleichen Namens identisch ist, aber nicht mit Leif Eriksson aus den isländischen Sagen.

Die Vinland-Karte ist die früheste Karte, die einen Küstenabschnitt Nordamerikas kartiert. Es wurden Zweifel an der Echtheit geäußert. So wurden die Legenden der Karte und ihr Rand mit einer schwarzen, die Karte selbst mit einer bräunlichen Tinte gezeichnet. Die bräunliche Tinte enthält das Titandioxid Anatas. Elektronenmikroskopische Untersuchungen schienen nahezulegen, dass das Pigment nicht durch Pulverisierung, sondern durch Ausfällung entstand. Dieses Verfahren wird erst seit 1923 angewandt. Nach Erkenntnissen von 1987 ist Anatas allerdings auch auf echten Dokumenten des 15. Jahrhunderts nachzuweisen, da es sich bei einer bestimmten Tintenrezeptur (Eisengallustinte) aus natürlichen mineralischen Bestandteilen bilden kann. Im Juli 2002 stellte man jedoch fest, dass die Karte – im Gegensatz zu den authentischen Textpartien des Codex – nicht mit einer Eisengallustinte, sondern mit einer Tinte auf Kohlenstoffbasis hergestellt wurde. Damit schien zunächst erwiesen, dass die Zeichnung der Karte aus der Zeit vor 1923 stammen kann.

Nach einem Bericht des SPIEGEL (32/2009) steht für René Larsen, den Rektor der Konservatorenschule an der Royal Danish Academy of Fine Arts, inzwischen die Echtheit des Dokuments außer Zweifel: »Wir haben nach fünf Jahren intensiver Studien keine Hinweise dafür gefunden, dass die Vinland-Karte gefälscht ist«, insbesondere seitdem in der Tinte Partikel von Anatas gefunden wurden, einem seltenen Mineral, das sich in Eisengallustinte bilden kann, nicht aber in kohlenstoffbasierter Tinte. Das Anatas, so Larsen, komme aus dem Sand, der zum Trocknen darüber gestreut wurde. Und die Wurmlöcher im Pergament der Karte stimmten mit denen im Deckel jenes Buchs überein, in das sie eingebunden war.

Aber kartografische Angaben der Vinland-Karte schienen lange Zeit für die Unechtheit der Vinland-Karte zu sprechen, da geografische Gegebenheiten abgebildet sind, die den Seefahrern des 9. bis 15. Jahrhunderts noch nicht bekannt sein konnten. So war die Nordküste Grönlands und damit die Inselnatur dieses Landes bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht bekannt. Da aber auf der Vinland-Karte die Nordküste Grönlands enthalten ist und die Küstenlinien ungefähr unserem heutigen Wissen entsprechen, müsste die Karte – so Kritiker – gefälscht sein. Diese Genauigkeit ist umso verblüffender, als auf der Vinland-Karte der Kontinent Afrika weit unvollkommener gezeichnet ist als in dem als wesentlich älter angesehenen Manuskript der Geografie des Claudius Ptolemäus von Konstantinopel.

Was für Karten Claudius Ptolemäus (87-150 n. Chr.) zu seinem Werk zeichnete – wenn er überhaupt der Urheber war – wissen wir nicht. Es sind lediglich mehrere Manuskripte des Werkes des Ptolemäus aus den letzten Jahrhunderten des byzantinischen Kaiserreiches bekannt. Das Werk wurde 1406 ins Lateinische übersetzt und damit der westlichen Welt erst zugänglich gemacht. Zunächst erschien das Werk ohne Karten, später wurden die 27 Karten der A-Fassung hinzugefügt, die im Laufe des 15. Jahrhunderts erweitert wurden. Die Ptolemäus-Weltkarte zeigt lediglich den Nordteil Afrikas, gelegentlich – so die Ulmer gedruckte Ausgabe von 1482 – bis südlich des Äquators. Auch auf der Vinland-Karte ist der Norden Afrikas dargestellt. Südlich eines deutlich ausgeprägten Kaps an der Westküste befindet sich jedoch die Andeutung des Abknickens der Küste nach Südosten. Der Golf von Guinea oder gar die Südspitze Afrikas sind nicht dargestellt.

Da die Vinland-Karte echt zu sein scheint, lag jenes fruchtbare Land, das die Grænlendingar im Westen entdeckten und Vinland nannten, auf dem nordamerikanischen Kontinent lag. Dass die Wikinger Amerika erreichten, ist inzwischen archäologisch gesichert, wie die Reste einer Wikingersiedlung auf Neufundland bei L’Anse aux Meadows zeigen. Die Entdeckung Amerikas war allerdings auch bereits aus schriftlichen Quellen bekannt, so dass die Vinland-Karte im Grunde nichts Neues darstellt.

Jedoch ist Grönland, wie bereits geschildert, relativ modern dargestellt. Aus der Abbildung ergibt sich, dass Grönland mit der Vinland-Karte im Großen und Ganzen mit dem Bild der modernen Karten bis etwa 70° N übereinstimmt. Die Details stimmen jedoch nicht. Zwar zeigt die Vinland-Karte eine Reihe von Buchten, Fjorden und Halbinseln, doch weichen diese in ihrer Form, Anzahl und Lage zueinander von denen der modernen Karte ab. Der Verlauf der Nordküste auf der Vinland-Karte und auf der modernen Karte ist unterschiedlich.

Die Vinland-Karte beweist jedoch, dass die Wikinger durchaus in der Lage waren, ihre großen Entdeckungen auch kartografisch niederzulegen.

Grönland auf der Vinlandkarte (gestrichelt) und auf einer modernen Karte (durchgezogene Linie).
Aus Rolf Lindemann: »Die Vinlandkarte und die Zweite Deutsche Nordpol-Expedition«

Obwohl bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Inselnatur Grönlands offiziell nicht bekannt war, zieht sich dieses Wissen durch das ganze Mittelalter hindurch. So wird von der Insel Grönland bereits berichtet in der »Descriptio insularum aquilonis« des Adam von Bremen (ca. 1070) berichtet (IV 37): Auch die Päpste des Mittelalters schrieben stets von der Insel Grönland, so z. B. Papst Nikolaus III. im Jahre 1279 (… quod insula, in qua civitas Gardensis constitit, propter malitiarn maris Oceani, infra quod ipsa constitit, raro navigio visitatur). Noch 1448 spricht Papst Nikolaus V. von der Insel Grenolandie.

Wie bereits in dem Buch »Kolumbus kam als Letzter« diskutiert wurde, bezeichneten die Wikinger das heutzutage vereiste Grönland »grünes Land«, im Englischen noch immer Greenland genannt. Zu einer Zeit vor 1400, als Grönland grün war und Wikinger nachweislich Milchviehwirtschaft betrieben und Weizen anbauten, war es möglich, Grönland zu umsegeln und zu kartografieren. Zu dieser Zeit war auch die Nord-West-Passage eisfrei, wie es nach ungefähr 1000 Jahren wieder einmal der Fall ist. Die Echtheit der Vinland-Karte wirft auch einen Spot auf den Klimawandel (Klimaschwindel), denn Grönland war bereits in der Mittelalterlichen Wärmeperiode eisfrei (ausführlich diskutiert in dem Buch »Kolumbus kam als Letzter«). Dies passt auch zu der Feststellung, dass die Alpen in den letzten 6000 Jahren viermal eisfrei oder nahezu eisfrei waren (heute-Journal am 5.4.2007).

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